Felszeichnungen und Keramiken als Ausdruck von Transformation und Fluidität am Amazonas
Die Felszeichnungen in der Serranía de la Lindosa im kolumbianischen Amazonasgebiet sind eng mit Konzepten wie Transformation und Fluidität verbunden. Diese Darstellungen spiegeln animistische und schamanistische Weltanschauungen wider, in denen die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Geistwesen als durchlässig gelten. Besonders häufig sind therianthrope Figuren, die sowohl menschliche als auch tierische Merkmale vereinen und so die Idee der Verwandlung und des Übergangs zwischen den Welten visualisieren. Schamanen spielen dabei eine zentrale Rolle als Vermittler, die durch Rituale und veränderte Bewusstseinszustände zwischen den Sphären wechseln können. Die Tiermotive – insbesondere von Raubtieren wie dem Jaguar – stehen symbolisch für diese transformative Kraft und die Fähigkeit, zwischen den Realitäten zu wandeln.
Die Felsmalereien von La Lindosa spiegeln diese animistischen Ontologien wider, indem sie Tiermotive in verschiedenen Formen darstellen, die auf Transformation und Fluidität zwischen Mensch und Tier hinweisen. Die Therianthropen, Figuren, die sowohl tierische als auch menschliche Elemente enthalten, zeigen die fließende Transformation zwischen diesen Zuständen.
Jaguar-Darstellungen und schamanistische Transformation
Der Jaguar nimmt in den Kosmologien vieler indigener Völker Amazoniens eine herausragende Stellung ein – als mächtiges, gefährliches, aber auch schützendes Wesen. In den Mythen und Ritualen, etwa der östlichen Tukano-Völker an der Grenze zwischen Kolumbien und Brasilien, gilt der Jaguar als Symbol schamanischer Macht. Schamanen werden als „Jaguar-Menschen“ verstanden, die in Trance oder nach dem Tod die Gestalt des Jaguars annehmen können. Diese Verbindung wird in Felskunst, aber auch in Keramik und anderen materiellen Zeugnissen sichtbar.
Keramikfunde am Amazonas/Rio Solimões mit Jaguar-Motiven
Im brasilianischen Amazonasgebiet, insbesondere entlang des Rio Solimões, wurden zahlreiche Keramikfunde gemacht, darunter reich verzierte Graburnen, die unter anderem Jaguardarstellungen zeigen. Diese Motive sind häufig nicht naturalistisch, sondern psychedelisch-abstrahiert gestaltet und deuten auf die besondere rituelle und kosmologische Bedeutung des Jaguars hin. Sie stehen im Kontext schamanistischer Praktiken und Transformationserfahrungen, bei denen Halluzinogene eine Rolle spielen können.
Stephen Rostain, ein führender Archäologe der Amazonasregion, hat mehrfach zu diesen Themen publiziert und ist auch in der Dokumentation „Hidden in the Amazon“ als Experte zu sehen. Dort werden unter anderem die Bedeutung und Symbolik der Keramiken, darunter auch Jaguar-Motive, im Zusammenhang mit spirituellen Praktiken und Bestattungsritualen erläutert. Rostain hebt hervor, dass solche Funde auf komplexe, urbane Gesellschaften mit ausgeprägter religiöser Symbolik und schamanistischen Traditionen hinweisen.
Die Bedeutung von Tiermotiven in animistischen Weltanschauungen
Die Bedeutung der Tiermotive in den Felsmalereien von La Lindosa kann durch das Verständnis der animistischen und schamanistischen Weltanschauung der indigenen Völker des kolumbianischen Amazonasgebiets interpretiert werden.
In vielen amazonischen Perspektivist- und animistischen Kosmologien ist alles, was wächst, sich bewegt oder entwickelt, einem Menschen gleichgestellt und besitzt eine Seele und ein soziales Leben. Jedes Lebewesen, einschließlich Tiere, hat einen physischen Körper, der als äußere Hülle betrachtet wird, die seine menschliche Gestalt verbirgt. Nur Mitglieder derselben Spezies oder besondere Wesen wie Schamanen können diese äußere Hülle durchschauen.
Die Felsmalereien von La Lindosa spiegeln diese animistischen Ontologien wider, indem sie Tiermotive in verschiedenen Formen darstellen, die auf Transformation und Fluidität zwischen Mensch und Tier hinweisen. Die häufige Darstellung von Penissen an menschlichen Figuren, aber fast vollständige Abwesenheit an Tierfiguren, mit Ausnahme einiger Therianthropen, unterstreicht die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Tier in dieser Weltanschauung.
Rituelle Spezialisten und spirituelle Räume
Die Quellen heben die Schlüsselrolle von Ritualspezialisten, den payés (Schamanen), in amazonischen Gruppen hervor. Die payés besitzen die Fähigkeit, zwischen den Speziesgrenzen zu wechseln und mit Geistwesen zu kommunizieren. Sie können in die spirituelle Welt sehen und Ereignisse beeinflussen, sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft.
Indigene Älteste, die die Stätten von La Lindosa besuchten, erklärten, dass die bemalten Felsunterstände als spirituelle malocas (Häuser) betrachtet werden. Diese spirituellen Räume dienen als Tore zu anderen Welten und ermöglichen die Kommunikation mit Vorfahren und Geistwesen. Die Tiermotive in den Felsmalereien könnten daher als Repräsentationen von spirituellen Wesen oder Begleitern der payés in diesen spirituellen malocas interpretiert werden.
Es wird argumentiert, dass die Handlung des Malens und die daraus resultierende „Präsenz“ eines Motivs in der Felsmalerei von größerer Bedeutung waren als die anatomische Genauigkeit der Darstellung. Dies deutet darauf hin, dass die Tiermotive nicht unbedingt als naturalistische Abbildungen von Tieren gedacht waren, sondern als kraftvolle Symbole, die in einem rituellen Kontext verwendet wurden.
Verbindungen zu anderen amazonischen Fundstätten
Der Artikel „A World of Knowledge“: Rock Art, Ritual, and Indigenous Belief at Serranía De La Lindosa in the Colombian Amazon“ von Hampson, Iriarte und Aceituno untersucht die Felszeichnungen in der Serranía de la Lindosa und argumentiert, dass diese mit Ritualspezialisten verbunden sind, die mit spirituellen Bereichen, somatischer Transformation und der Verflechtung von Menschen- und Nichtmenschenwelten umgehen.
Es gibt mehrere Verbindungen zwischen diesem Artikel und anderen Quellen zur Amazonasarchäologie:
Schamanismus und Animismus: Die Bedeutung von Schamanismus und Animismus im Glauben indigener Völker wird hervorgehoben und argumentiert, dass die Felszeichnungen mit diesen Weltanschauungen verbunden sind. Viele andere Quellen befassen sich ebenfalls mit diesen Themen im Kontext der Amazonasarchäologie und -ethnologie.
Keramik und materielle Kultur: Während sich „A World of Knowledge“ auf Felszeichnungen konzentriert, untersuchen viele andere Quellen die Keramik und andere Formen der materiellen Kultur, die von indigenen Völkern in Amazonien geschaffen wurden. Diese Quellen heben die Bedeutung der materiellen Kultur für das Verständnis der sozialen Organisation, des rituellen Lebens und der Kosmologie vergangener Gesellschaften hervor.
Ethnographische Analogie: „A World of Knowledge“ verwendet ethnographische Analogien, um die Felszeichnungen zu interpretieren, indem ethnographische und ethnohistorische Aufzeichnungen herangezogen werden, um Einblicke in die möglichen Bedeutungen der Motive zu gewinnen.
Landschaftsarchäologie: Der Artikel betont die Bedeutung der Landschaft für das Verständnis der Felszeichnungen und argumentiert, dass die Motive in einem animistischen Rahmen zu betrachten sind, in dem die Umwelt als lebendig und agentisch angesehen wird.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Tiermotive in den Felsmalereien von La Lindosa nicht einfach als Abbilder der realen Welt zu verstehen sind. Stattdessen sind sie in komplexe animistische und schamanistische Weltanschauungen eingebettet und repräsentieren die Fluidität zwischen Mensch und Tier, die Bedeutung von spirituellen Wesen und die Rolle von Ritualspezialisten bei der Vermittlung zwischen verschiedenen Welten. Die Verbindungen zu Keramikfunden am Rio Solimões und anderen amazonischen Fundstätten zeigen, dass diese Konzepte weit über die Serranía de la Lindosa hinaus in der gesamten Amazonasregion von Bedeutung waren.
Quellen:
- Hampson, Jamie et al.: ‘A World of Knowledge’: Rock Art, Ritual, and Indigenous Belief at Serranía De La Lindosa in the Colombian Amazon, 2024
- Robertson, Mark et. al:. Animals of the Serranía de la Lindosa: Exploring representation and categorisation in the rock art and zooarchaeological remains of the Colombian Amazon, 2024
- PBS: Hidden in the Amazon
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