Felsmalereien der Serranía de la Lindosa – Schamanistische Weltbilder in Stein
Die Felsmalereien in der Serranía de la Lindosa im kolumbianischen Amazonasgebiet sind eine Manifestation indigener Weltanschauungen und eng mit schamanistischen Praktiken verbunden. Die Kunstwerke stellen nicht einfach die „reale“ Welt dar, sondern beinhalten und manifestieren vielmehr kritisches Wissen darüber, wie animistische und perspektivische indigene Gemeinschaften ihre ritualisierten, soziokulturellen Welten konstruierten und aufrechterhielten.
Schlüsselkonzepte und ihre Darstellung in den Felsmalereien
- Animismus und Perspektivismus: Die Felsbilder spiegeln die animistische Überzeugung wider, dass alles, was wächst, sich bewegt oder sich entwickelt, eine Seele und ein soziales Leben hat, ähnlich wie Menschen. Tiere, Pflanzen, Geister und sogar Objekte sind demnach bewusst und können Ereignisse beeinflussen. Die dargestellten Wesen sind oft nicht anatomisch korrekt, da es mehr um die vermittelte Bedeutung und die transformative Kraft der Bilder geht als um eine realistische Abbildung.
- Transformation und Verwandlung: Viele Motive stellen Therianthrope dar, Mischwesen aus Mensch und Tier, die Übergangszustände und Verwandlungen verkörpern. Diese Figuren verdeutlichen die fließenden Grenzen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Welten in animistischen Weltbildern. Schamanen werden oft als Wesen dargestellt, die zwischen verschiedenen Reichen wechseln können.
- Schamanen und Ritualspezialisten: Die Felsmalereien sind eng mit der Rolle von Ritualspezialisten verbunden, die in der Lage sind, mit der spirituellen Welt zu kommunizieren. Schamanen werden als Vermittler zwischen den Welten gesehen, die durch Rituale und veränderte Bewusstseinszustände in andere Reiche reisen, um Wissen zu erlangen und die Welt zu beeinflussen.
- Die Bedeutung von Tieren: Tiere sind nicht nur Nahrungsquellen, sondern haben eine tiefere spirituelle Bedeutung. Viele Tiere verkörpern Geist-Ahnen, insbesondere Tapire, Jaguare und Hirsche, die als besonders verehrt gelten. Schlangen, oft mit Federn oder Beinen dargestellt, sind ebenfalls wichtig, da sie als liminale Wesen angesehen werden, die sich zwischen Wasser und Land bewegen können und für Transformation und Wiedergeburt stehen.
- Geometrische Motive: Die Felsbilder enthalten auch zahlreiche geometrische Motive, deren vollständige Bedeutung nicht bekannt ist, aber vermutlich mit veränderten Bewusstseinszuständen und Ritualen verbunden ist. Einige dieser Motive ähneln Phosphenen, die in solchen Zuständen wahrgenommen werden können. Darüber hinaus werden geometrische Formen auch als „Geschenke“ von Tieren und Pflanzen angesehen.
- Felsunterstände als spirituelle Malocas: Die bemalten Felsunterstände werden von indigenen Gemeinschaften als spirituelle Malocas (Häuser) angesehen, wo Vorfahren gehört werden können.
Die Rolle von Felsbildern im Schamanismus
- Wissensspeicher: Die Felsbilder dienen als Speicher schamanischen Wissens und leiten die Praktiken des Schamanismus. Rituelle Spezialisten nutzen die Bilder als „Kleiderschrank“ und „Anleitung“, um mit der spirituellen Welt in Kontakt zu treten und ihr Territorium zu verwalten.
- Verbindung zu den Geistern: Die Felsbilder wurden laut Aussagen indigener Ältesten von Geistern geschaffen, was die ontologische Gleichwertigkeit zwischen Ritualspezialisten und ihren Geisthelfern unterstreicht. Dies verdeutlicht die immaterielle Kraft und die rituelle Bedeutung der Bilder.
- Verhandlung mit dem „Meister der Tiere“: Die Felsmalereien werden im Kontext der Beziehungen mit dem „Meister der Tiere“ gesehen, einem Geist, der Tiere schützt und kontrolliert. Schamanen verhandeln mit diesem Geist, um Jagderfolge zu sichern. Die Jagd wird somit als ein Akt gesehen, der sowohl ideologische als auch wirtschaftliche Aspekte hat.
- Initationsrituale: Die Praktiken und Visionen, die bei Initiationsriten erlebt werden, erklären die schamanistischen Bilder auf den Felsen. Nach dem Fasten und einer Veränderung der Wahrnehmung, beginnen die Eingeweihten die Tiere sprechen zu hören und die spirituelle Bedeutung der Pflanzen und Orte zu erkennen.
- Kontinuierliche spirituelle Verbindung: Die Felsbilder sind nicht nur historische Artefakte, sondern auch Teil eines lebendigen Glaubenssystems. Sie dienen weiterhin als Quelle der Verbindung zur spirituellen Welt und als Grundlage für schamanische Praktiken.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Felsbilder in der Serranía de la Lindosa eine vielschichtige Darstellung des schamanistischen Weltbilds der indigenen Völker des Amazonasgebietes sind. Sie sind nicht nur Kunstwerke, sondern auch mächtige Werkzeuge zur Wissensbewahrung, zur Kommunikation mit der spirituellen Welt und zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur.
Quellen
- Hampson, Jamie, José Iriarte, and Francisco Javier Aceituno. 2024. ‚A World of Knowledge‘: Rock Art, Ritual, and Indigenous Belief at Serranía De La Lindosa in the Colombian Amazon. Arts 13: 135. https://doi.org/10.3390/arts13040135 Copyright: © 2024 by the authors. Submitted for possible open access publication under the terms and conditions of the Creative CommonsAttribution (CC BY) license (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/).
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